Mathias Poledna — Substance — The Renaissance Society

Im Zentrum der Filmarbeit Substance von Mathias Poledna (6:40 min, 35mm Color Film) steht eine Luxusuhr. Sie ist fein verarbeitet, vergoldet und elegant. Der Film beginnt mit stark vergrößerten Teilaufnahmen des Luxusobjektes. Die Uhr scheint in einem schwarzen Raum zu schweben. Langsam, fast sinnlich streift der Fokus der Kamera über die beleuchteten goldenen Details.
Lense Flairs und Reflektionen der spiegelnden Oberflächen treffen auf das Objektiv.
Es entstehen Farbstreifen und golden-beige Schimmer im Bild. Die 35mm Analogfilm-Ästhetik verleiht den Bildern etwas Samtenes, Sattes. Das langsame Scharfstellen und Fokussieren auf ein bestimmtes Detail des Objekts ist Teil der Inszenierung.

Über dem gesamten Film liegt rhythmisch elektronische Musik, animierend stampfend und bedrohlich zugleich. Der Soundtrack ist verführerisch und doch scheint nichts auf einen Höhepunkt hinzuarbeiten.

Langsam verändern sich die Kameraeinstellungen, man erkennt das Zifferblatt und die Zeiger durchwandern den Bildausschnitt. Die Beschriftungen und Zahlen erscheinen nun scharf.
Das Herauszoomen geht weiter, mündet in einer finalen Szene:
Der Bildausschnitt verändert sich, macht einen Sprung von Mikro zu Makro. Die Uhr schwebt von rechts in das Bildfeld. Sie ist im Ganzen zu sehen, doch nimmt nur noch sehr wenig Bildraum ein. Das Luxusobjekt entfernt sich langsam vom Betrachter und wird immer kleiner. Die Szenerie erinnert an einen Science-Fiction Film: Ein Objekt bewegt sich mit kaum merklichem Impuls durch die unendliche Leere des Alls. Trotz der geringen Geschwindigkeit ist der Impuls unaufhaltbar, es fehlt Schwerkraft, Anziehung, ein Bezugssystems oder ein anderes Objekt, welches mit seiner Masse einen Einfluss auf die Bewegung haben könnte. Die Szenerie wirkt leer und frei von menschlicher Anwesenheit.
In der Abwesenheit menschlicher Bezugssysteme erlischt auch die Funktion der Uhr, da ihre Ordnungsfunktion keinen Rezipienten mehr besitzt.

Betrachtet man die symbolische Funktion der tickenden Uhr genauer, bemerkt man, dass sie eine Art doppelte Symbolik besitzt. Zum einen steht die Uhr als starkes Symbol für die Zeit und ihre Vergänglichkeit. Gleichzeitig symbolisiert sie, als Luxusobjekt, als Symbol des Erfolgs, aufgrund ihrer handwerklichen Perfektion und der Verarbeitung von edlen Materialien eine Vorstellung von Permanenz: ein Versprechen von ewiger Haltbarkeit, die Luxusuhren zum Investitionsobjekt und Erbstück prädestinieren.
Mit Blick auf die Finanzkrise 2007 und der damit einhergehenden fühlbar gewordenen Instabilität wirtschaftlicher Systeme oder ganzer Währungen, symbolisiert die Uhr eine nahezu nostalgische Vorstellung von immerwährendem Wohlstand und Verlässlichkeit.

Das erstaunliche an Substance ist, dass keinerlei Verlangen, kein Begehren, kein Wunsch nach Besitz vonseiten des Betrachters entsteht. Gleichermaßen besteht nicht die Gefahr einer romantischen Hingabe oder einem Verlieren in filmischer Dynamik.
Stattdessen entwickelt sich ein Zusammenspiel scheinbar klarer Gegensätze wie zum Beispiel Objektfetischismus ohne Emotion, Abdriften und Verlust ohne Schmerz, eine kalte, analytische Betrachtung von Schönheit, ein sich gegenseitiges Aufheben von Verlangen und Gleichgültigkeit, schlicht eine Art Entfremdung, welche sowohl in Bezug auf die Uhr, als auch auf die gewählten filmischen Stilmittel spürbar wird. Denn, so schön das dargestellte Artefakt, die Art der Inszenierung in der Ästhetik des Analogfilms, die Erinnerungen an alte Werbefilme weckt, auch sein mag: vor allem im Kontext des Soundtracks kommt keinerlei Nostalgie auf.
Gerade die Aufnahmen zu Beginn des Videos erinnern trotz ihrer filigranen Schönheit an die Bilder einer mikroskopischen Untersuchung im Millimeterbereich. Zum einen zeugt dies von großem handwerklichem Können im Umgang mit der Analogkamera, zum anderen entwickelt sich darin eine Art Distanz zwischen Betrachter und Objekt – Distanz im Sinne von kalter Beobachtung, die versucht, subjektive Eindrücke auszuklammern. Die Inszenierung wird zur reinen Veränderung von technischen Parametern und das Fokussieren erscheint als kalter analytischer Blick.

So entwirft Mathias Poledna anhand der Inszenierung eines isolierten Objekts eine geradezu postmaterialistische Vision im Verhältnis von Konsument, Objekt und Medium. Er zeigt dabei weniger, wie sehr der Konsument sich von Produkt und dessen Produktion entfernt hat: Durch Zitate aus 3 Jahrzehnten medialer Werbung richtet Poledna den Blick auf eine Art historischen Ablauf einer Geschichte der Konnotationen des Images und zeigt darin deren Veränderlichkeit. Der Künstler kappt die Verbindung zwischen Rezipient und Schlüsselreiz, indem er die einzelnen Aspekte gegenseitig ihre Wirkung aufheben lässt und führt darin die für Marketing grundlegende Verbindung von Intension, Ursache und Wirkung sowie die gegenseitige Produktion von Konsument, Produkt und Image ad absurdum.
Die große Qualität der Arbeit liegt in der Art der Beziehung zwischen Betrachter und Werk, ihre Eleganz entwickelt sie in einer kritischen Auseinandersetzung, ohne dass diese krampfhaft herbeigeführt wird.

Mathias Poledna — Substance — The Renaissance Society — 7.12.2014- 8.2.2015