Stefan Panhans — Schnee schnell Schnee Du bleiches Reh — Villa Merkel

Die Villa Merkel in Esslingen zeigt Arbeiten des Berliner Künstlers Stefan Panhans: eine Photoserie, vier Videoarbeiten sowie ein installatives Filmset. Panhans thematisiert in seinen Arbeiten die Identität des modernen Menschen. Alles schwankt und mäandert zwischen Konsumwelt, Selbstdarstellung, Selbstoptimierung und Selbstaufgabe. Wie stellen wir uns selbst dar? Wie beeinflussen die Medien unseren Alltag, unser Miteinander? Ganz im Stil der Internetästhetik mixt und remixt er alles scheinbar wahllos zusammen. Man erkennt kaum eine Struktur, zumindest nicht auf den ersten Blick, die Subtilität und Strenge der Ausarbeitung (vor allem in den Videoarbeiten) wird einem erst auf den zweiten Blick bewusst, z.B. in den fein austarierten Dialogen.

Man betritt den ersten Videoraum links neben der Eingangstür, der Raum ist abgedunkelt und mehrere Reihen Kinosessel stehen vor einer Videoleinwand. Who’s afraid of 40 Zimmermädchen eine One-Take Videoarbeit von 2007, Dauer: 35 min. Sie ist eine der stärksten Arbeiten der Ausstellung. Die zwei Protagonisten, ein vermeintliches Pärchen, sitzen bei Nacht an einem Lagerfeuer. Es entsteht ein scheinbarer Dialog. Nur scheinbar deshalb, weil das, was wirklich passiert, eher eine kafkaeske Dialoghülle ist. Die Thematik springt hin und her, inhaltlich ignorieren sich die beiden Protagonisten. Wurde eben noch die Litanei eines Werbeprospekts für eine Heil- und Entspannungskur heruntergebetet, werden im nächsten Moment Popgrößen zitiert – der jeweilige Name scheint den Protagonisten allerdings entfallen zu sein. Der Mann empfängt telepatische Nachrichten in E-mail Formulierung. Die Frau trägt ein laszives Polizeikostüm. Dazu immer wieder Unterbrechungen des Gesprächs und das Absuchen der Umgebung mit zwei Mag-lite Taschenlampen, als ob man noch auf etwas warten würde, als ob man Angst hätte vor der Umgebung, Angst vor der Situation. Es entsteht eine seltsame Stimmung, die sich, zwischen Faszination, Entlarvung und Ekel schwankend, immer weiter aufbaut. Nach 35 Minuten bleibt nicht viel übrig von der modernen Identität/Selbstdarstellung.

Im Lichthof der Villa Merkel ist die Photoserie Items for possible Video Sets gehängt. Die Photos haben eine etwas morbide Ästhetik, wie die Überreste eines Filmdrehs einer der unzähligen New-Folk-Bands, die man in den digitalen Medien Tag für Tag vorgesetzt bekommt; die Reste eines modernen Freiheitsgefühl, das sich längst in einer sich selbst reproduzierenden Methodik aufgelöst hat. Panhans spielt mit dieser Ästhetik, er greift das Willkürliche auf. Die Serie an sich würde sich möglicherweise völlig in der Masse der Internetästheten verlieren, wären da nicht seine Videoarbeiten, die sein ganzes Werk in einem anderen Licht erscheinen lassen. Panhans gelingt es durch seine Videoarbeiten, den sonst fehlenden Inhalt zu generieren.

Die zweite Videoarbeit trägt den Titel Sieben bis Zehn Millionen. Auch hier handelt es sich um ein ungeschnittenes Video. Auf den ersten Blick sieht man eine Person in Porträtansicht. Sie ist bekleidet mit einem Parka, die Kapuze mit Fellapplikation ist aufgesetzt. Darunter trägt sie/er eine bunte Skatercap. Die Person scheint vor einer Leinwand zu stehen, im Hintergrund fallen einzelne digitale Schneeflocken. Sie hält einen Monolog über die Probleme eines Konsumenten und beleuchtet dabei mit scheinbarem Know-How, wie der Konsument von den Firmen gesteuert wird. Er oder sie spricht den Zuschauer dabei direkt an. Gerade zu drängend sprudeln die Wörter dabei nur so heraus. Durch das „Du“, welches scheinbar als Belehrung eines imaginären Zuhörers verwendet, wird der Eindruck der Dringlichkeit verstärkt. Der Protagonist entlarvt im Monolog die Tricks der Werbeindustrie und fühlt sich von eben diesen nicht beeinflusst. Am Ende des Monologs kauft er sehr überzeugt ein Produkt, das scheinbar ihn aussuchte und perfekt zu ihm passt. Die Werbeindustrie hat gesiegt.

Ähnlich wie bei Who’s afraid of 40 Zimmermädchen, wirkt auch dieses Video um so unwirklicher, desto länger man es sich anschaut. Man beginnt zu überlegen und zu deuten, handelt es sich um einen Ski-Leistungssportler? Ohne, dass sich die Person physisch im Video ändert ist man sich am Ende nicht einmal mehr sicher, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Auf der Mediumsebene fängt man an zu überlegen, ob das Video noch die Originalgeschwindigkeit hat. Alles bleibt ungewiss, Panhans gelingt es dabei den Betrachter, durch die Dynamik der Videos, in einen Bann zu ziehen. Ein Thema, dass sich konsequent durch die Ausstellung zieht.

Bei der Installation Hollow Snow White II aus dem Jahr 2013 handelt es sich um eine raumfüllende Installation. Sie bestehend aus einer weißen Hohlkehle, einem Superbike, einer Hundeleine, einem Wintertarnanzug, einem Batik-shirt, einer Wollmütze, einem Helm, einem Multifunktionsgürtel, Paintball MG, diversen Strumpfhosen, Bambus, Noppenfolie, Klangkugeln und Bonbons. Was haben diese Dinge mit einander zu tun? Nichts! Aber darum geht es auch nicht. Wie immer in den Arbeiten des Künstlers geht es nicht um das Einzelne, es geht ums Gesamte. Das Ganze soll ein mögliches Filmset darstellen. Wie die einzelnen Dinge miteinander zusammenhängen ist dem Besucher überlassen. Eine eindeutige Geschichte will Panhans damit jedoch auf keinen Fall erzählen, wirkt dabei aber betörend narrativ.

Andreas Baur, der Leiter der Villa Merkel schafft es mit der Ausstellung Stefan Panhans Schnee schnell Schnee Du bleiches Reh erneut an gute Ausstellungen wie Goldrausch – Gegenwartskunst aus, mit oder über Gold; Crossing Media – Der Kunst die Bühne oder Manfred Kuttner – Werkschau anzuschließen.

Die Arbeiten von Stefan Panhans sind sicherlich eine spannende zeitgenössische Position. Es bleibt abzuwarten, wie sich seine Arbeiten verändern, wenn der New-Media Hype seinen universellen Aktualitätsanspruch verliert.

Stefan Panhans *1967 — Schnee schnell Schnee Du bleiches Reh — Villa Merkel Esslingen 15. Dezember 2013 – 16. Februar 2014