Ed Atkins — Ed Atkins — Kunsthalle Zürich

Die Kunsthalle Zürich zeigt einen Querschnitt der neueren Arbeiten von Ed Atkins.

Ed Atkins eröffnet die Ausstellung mit einer literarischen Einführung. Vor dem eigentlichen Beginn der Ausstellung hat der Künstler einen Eingangstext an die Wand tapeziert. Auf jeweils drei Seiten, in Deutsch und in Englisch, wird der Besucher in die Thematik sowie die Methodik von Atkins Arbeiten eingeführt. Die Seiten besitzen eine fortlaufende Pagina, als ob sie aus einem Buch ausgerissen wurden.

Im ersten Raum der Ausstellung trifft man auf eine Serie von 15 an die Wand gelehnte Tafeln. Es handelt sich dabei um ca. zwei Meter hohe, weiß lackierte Holztafeln. Darauf sind Papierränder ausgeschnittener Bilder zu sehen, welche mit Abbildungen eines computergenerierten Whiskey-Glases auf schwarzem Hintergrund, sowie pseudo-realistisch gerenderten Abbildungen einer männlichen Büste und einer tätowierten Hand kollagiert wurden. Die Abbildungen sind dabei in unterschiedlichen Variationen zu sehen. Atkins hat auf diese Tafeln überdimensionierte Staubkörner und Fussel gezeichnet, die man aus alten Filmaufnahmen kennt. Die Installation bleibt die einzig, rein materielle Arbeit der gesamten Ausstellung. So wirkt die Installation etwas verloren und man stellt sich Fragen zu ihrem Stellenwert.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes befinden sich drei Monitore auf denen jeweils ca. 40 min. lange Videoarbeiten gezeigt werden. Die Soundspur der Arbeiten kann man über einen Kopfhörer hören. Dem Besucher ist es kaum möglich alle drei Arbeiten anzuschauen, da jeweils nur ein Kopfhörer pro Monitor zur Verfügung steht. Man müsste mehrere Stunden investieren um alle Arbeiten der Ausstellung in voller Länge zu sehen.

Us dead talk love ist eine der bekanntesten Arbeiten von Ed Atkins. Sie besteht aus einer ca. 40-minütigen Zwei-Kanal-Videoprojektion mit Tonspur. Ihr überwiegender Anteil ist computergeneriert. Die Arbeit hat cineastischen Charakter. Sie beginnt mit dem Liebeslied Johanna aus dem Musical Sweeney Todd aus dem Jahr 1979, gesungen von einem hohlen, kahlgeschorenen, digitalen Kopf. Daraufhin entwickelt sich eine Art Dialog zwischen zwei Avataren, jeder davon auf einer Leinwand. Dabei entsteht keine direkt narrative Handlung. Es sind eher Satzfragmente, fast verlorene Erinnerungen und Wünsche, die sich alle mit dem Thema Liebe beschäftigen.

Hier artikuliert sich das reflexive Moment in den Arbeiten Atkins’: Die Immaterialität des Mediums Video, im Kontext der Umschreibung ungreifbarer Emotionen erreicht ungeahnt reale Erfahrungsmomente für den Betrachter.

Im oberen Stockwerk präsentiert Atkins eine extra für die Kunsthalle Zürich konzipierte Mehrkanal-Videoinstallation. Auch diese Arbeit folgt Atkins’ gewohnter Ästhetik und Dramaturgie. Die Arbeit mit dem Namen Ribbons besteht aus drei räumlich abgegrenzten Videoprojektionen. Dabei ist es unmöglich alle Videos gleichzeitig zu sehen. Vielmehr zappt man durch die einzelnen Projektionen, indem man immer nur Bruchstücke von ihnen sieht. Atkins verlässt den Weg der linearen Erzählung und überschwemmt den Besucher mit so viel Videomaterial, dass es am Ende kaum mehr möglich; ja mehr noch, gar nicht entscheidend ist wirklich alles gesehen zu haben.

Atkins nimmt sich selbst mithilfe mehrerer Kameras auf und kann so eigene, vorher eingespielte Gesichtsausdrücke auf seine digitalen Avatare übertragen. Das gesamte Werk des Künstlers beschäftigt sich mit dem schmalen Grat zwischen Realismus und Fiktion. Stets versucht er Grenzen zu verwischen, z.B. indem er etwa scheinbar analoge Staubfusel durchs Bild flitzen lässt und damit die Ästhetik alter Filmaufnahmen zitiert. Oder wenn Atkins teilweise reale Aufnahmen unter die digitalen Szenen mischt. Zusätzlich sind die Soundeffekte, Klänge und Töne alle analog aufgenommen, man hört also wirklich den Künstler sprechen, lediglich der computergenerierte Kopf dient als Projektionsfläche. Die ständig wechselnde Stimmung der Videos wird verstärkt durch eine überzeichnete Mimik der computergenerierten Avatare. Sie leben von der Ästhetik des Uncanny-Valley, also jenem Phänomen, dass Menschen ein künstlich erzeugtes Gesicht unheimlich vorkommen lässt, wenn es zu realistisch erscheint.

Es ist verblüffend wie tragisch und deplatziert die computergenerierten Büsten und Körper in den, mit großer Sicherheit komponierten Videowelten wirken. Ebenso sonderbar erscheint die Nacktheit der „Avatare“. Äußerlich entindivudualisiert, sich in einem inszenierten Raum befindend, scheinen ihnen gewisse Züge einer Persönlichkeit mitgegeben zu sein. Gleichzeitig kann kein Aspekt dieser Pseudopersönlichkeit Erfüllung finden. Die „Protagonisten“ in Atkins Arbeiten wirken wie seltsam unbeteiligte Wirte bestimmter Emotionen ohne Aussicht auf Erlösung. Genau darin entwickeln die Arbeiten des Künstlers eine emotionale Tiefe.

Ed Atkins kann mit seiner Einzelausstellung in der Kunsthalle Zürich überzeugen. Dabei ist ihm vor allem zu Gute zu halten, dass er dem Thema Digitalisierung und dem Medium computergeneriertes Video mehr abgewinnt als reinen Aktualitätsanspruch. Durch Methodiken wie Collage und Samplen entsteht eine sehr zeitgenössische Form der formalen Komposition, die sich sowohl auf bildnerische Elemente wie auch auf eine zeitliche Abfolge bezieht.

Ed Atkins — Ed Atkins — Kunsthalle Zürich — 15.02.2014 – 11.05.2014