Christoph Keller — Small Survey on Nothingness — Schering Stiftung

Die Schering Stiftung Berlin zeigt die Ausstellung Small Survey on Nothingness von Christoph Keller.

Der etwa 45 m² große Ausstellungsraum ist abgedunkelt. Licht spenden eine Videoprojektion, ein Flachbildschirm und ein Tisch, dessen Glasplatte von unten erleuchtet ist. Auf der Tischfläche steht ein mit einem Glaspfropfen verschlossenes Glasgefäß. Es enthält eine transparente Flüssigkeit. Daneben liegt eine historische Atemmaske zur Betäubung von Patienten. In der Videoprojektion, welche seitlich auf einer Leinwand gezeigt wird, ist Christoph Keller selbst zu sehen. Er steht in einem runden Backsteinraum in dessen Mitte sich ein historisch anmutender Versuchsaufbau befindet. Er tränkt ein Baumwolltuch mit der Flüssigkeit aus dem Glasgefäß. Das getränkte Baumwolltuch legt er in die metallische Atemmaske, welche Mund und Nase bedeckt. Der Künstler drückt sich die Maske auf sein Gesicht und atmet tief ein. Nach kurzer Zeit ist zu erahnen, dass eine rauschähnliche Wirkung einsetzt. Dem Informationsblatt ist zu entnehmen, dass es sich bei der Flüssigkeit um Diethylether handelt, einem flüchtigen Stoff der noch bis ins 20. Jahrhundert als Narkotikum verwendet wurde.

Ein zweites Video wird auf einem Flachbildschirm auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes gezeigt. Es besteht aus 1-2 Minuten langen Interviewteilen. Befragt werden Wissenschaftler und Experten verschiedener Disziplinen. Die Interviewthemen reichen von Quantenphysik, dem Higgs Teilchen, dem Stellenwert der Zwischenräume in Zeichensystemen bis hin zu okkulten Theorien des 19. Jahrhunderts. Die Interviewteile, die sich zwischen wissenschaftlich fundierter Aussage und metaphorischer Anekdote bewegen, sind scheinbar wahllos aneinandergereiht. Die Fragen des Interviewers sind herausgeschnitten, erst nach und nach erkennt man einen roten Faden. Alle Interviewfragmente beziehen sich auf das Nichts, den Zwischenraum, die Leere in Verbindung mit dem historischen Begriff des Äthers, einer mittlerweile wissenschaftlich widerlegten „Substanz“ welche hypothetisch als Trägermaterial des Lichts fungieren sollte. Der Betrachter erfährt, dass der Backsteinraum in welchem der Etherrausch Christoph Kellers aufgezeichnet wurde ein Raum des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam ist. Der Versuchsaufbau in der Mitte des Raumes war Teil eines Experiments welches 1881 von Albert A. Michelson durchgeführt wurde und letztendlich die Inexistenz des Lichtäthers bewies. Vor dem Verlassen der Ausstellung ist der Betrachter aufgerufen selbst an der Etherflasche zu schnüffeln. „Auf eigene Gefahr“, wie die Ausstellungsaufsicht hinzufügt.

Christoph Keller versucht eine abstrakte Verbindung zwischen Wissenschaft im Kontext eines historischen Ablaufs und der, im weitesten Sinne okkulten Vorstellung einer Erfahrung des „Nichts“ durch einen etherinduzierten Rauschzustand herzustellen. Schnell stellt sich die Frage was genau durch diese Begegnung gezeigt werden soll. Lässt sich diese Konfrontation nicht auch als Ausspielen eines wissenschaftlichen Fortschrittsgedankens gegenüber einer Sehnsucht des Menschen nach dem Übersinnlichen, nach Esoterik und Rausch interpretieren? Trifft dies zu, so erscheint die Inszenierung des Künstlers als Vermittler zwischen diesen beiden Welten zu theatralisch.

Man stellt sich die Frage nach der Intension des Künstlers und der Tragfähigkeit der etymologischen Verbindung des ambivalenten Begriffs „ÄEther“. Ist es das Ziel ein Gefühl der theoretischen Überfrachtung des Individuums in einer von wissenschaftlichem Fortschritt geprägten Zeit mit einem etherinduzierten Rauschzustand zu verstärken, so verkommt die Verwirrung des Zuschauers zum Selbstzweck. Die Sehnsucht des modernen Menschen nach dem Rauschzustand, dem Übersinnlichen und dem „Nichts“ im Kontext eines linear-wissenschaftlichen Fortschritts zu illustrieren und den Rauschzustand am eigenen Leib (Künstler und Besucher) zu erfahren, wirkt geradezu romantisch.

Daneben vermisst man eine klarere formale Konzeption des Ausstellungsraumes und eine dadurch gegebene, direktere Konfrontation der beiden „ÄEtherbegriffe“.

Survey on Nothingness bleibt insgesamt eine vage Stoffsammlung zum Begriff „ÄEther“ und dem Nichts, den Leerstellen an sich. Zu diesem interessanten Thema, wünscht man sich gerade durch die ästhetische Anmutung (Wissenschaft, Versuchsaufbau etc.) ein feineres Taktieren und eine präzisere Aufstellung direkt formulierter Zusammenhänge. Ist dies nicht der Fall entsteht ein undefinierter Gedankenraum, welcher sich gefährlich in Richtung Esoterik verschiebt

 

Christoph Keller — Small Survey on Nothingness — Schering Stiftung — 07.07.2014 – 04.10.2014